Nachruf: Prof. Dr.-Ing. Oskar Hajo Gerhard Mahrenholtz (1931 - 2020)

Oskar Mahrenholtz ́s größtes Interesse galt in jungen Jahren der Geschichte, doch es kam anders. Die Nachkriegswirren führten 1946 bis 1949 zu einer Schmiedelehre und danach arbeitete er als Maschinenschlosser bei einer Privatbahngesellschaft. Dazu schrieb er rückblickend, “1951 war es mein größter Wunsch, Lokführer zu werden. Das wäre ein Aufstieg gegenüber der Mechanikertätigkeit gewesen, obschon auch das Reparieren von Lokomotiven Spaß machte.” Mit den ‘Lernheften Technische Schule Hilchenbach‘ bereitete er sich im Selbststudium auf die Aufnahme-Prüfung an der Ingenieurschule (heute HAW) Hamburg vor und bestand sie “zu meiner großen Überraschung”, wie er später schrieb. Das Studium, das er von 1951 bis 1954 absolvierte, hat ihm keine Probleme bereitet. Die aus dieser Zeit erhaltenen Zensurenlisten und die Erinnerung seiner ehemaligen Kommilitonen – “Der Oskar war schon damals ein Überflieger!” – belegen, dass ihm das Studium nicht schwer fiel. Viele Jahre später schrieb Mahrenholtz: "Ich merkte, dass der Hintergrund nicht sehr stark ausgeleuchtet war. Es war mein Mechanik-Lehrer Dr. Karl Leiß, der mir den dringenden Rat gab, meine Grundlagenkenntnisse auszuweiten, also weiter zu studieren. Das habe ich getan – und bin ihm für seinen Rat bis heute dankbar. Wir hatten in Hamburg viele hervorragende Lehrer – die Kriegswirren hatten sie sozusagen angeschwemmt; sonst hätten wir diese Qualität wohl nie kennengelernt – aber Leiß ragte heraus, fachlich und menschlich."

Dem Rat folgend studierte er von 1954 bis 1958 Maschinenbau und Verfahrenstechnik an der Technischen Hochschule Hannover. Die Studien- und Diplomarbeit schrieb er am weltbekannten Max-Planck-Institut für Strömungsforschung in Göttingen, unter den Augen von Ludwig Prandtl, wie er manchmal sagte. Er lernte dort das präzise Messen, eine Fähigkeit, die ihm als Forscher, besonders als begnadeten und originellen Experimentator, zeitlebens geholfen hat.

Von 1958 bis 1966 arbeitet er zunächst als Wissenschaftlicher Assistent und später als Wissenschaftlicher Rat am Institut für Mechanik der Technischen Hochschule Hannover, das von Eduard Pestel geführt wurde. Er wurde 1962 mit einer Arbeit aus dem Gebiet der Biofluiddynamik promoviert und 1966 mit einer Schrift auf dem Gebiet der analogen Simulationstechnik habilitiert! „So gerüstet standen mir viele Industriepositionen offen“, schrieb er später. „Doch der Ruf auf einen Lehrstuhl für Mechanik mit der Möglichkeit eigener Forschung reizte mehr.“ Im Jahr 1966 wurde Mahrenholtz dann Ordentlicher Professor und gleichzeitig Direktor des Instituts für Mechanik in Hannover. „Mit fähigen Doktoranden wurden die Gebiete Plastomechanik (erstes Finite-Elemente-Modell), Maschinendynamik, Aeroelastizität und – mehr am Rande – Biomechanik durchaus erfolgreich beackert“, erinnerte er sich an diese Jahre. Rufe an die Ruhr-Universität Bochum 1971 und an die Universität Stuttgart 1976 hat er nicht angenommen.

Mit der Gründung der Technischen Universität Hamburg-Harburg war Mahrenholtz früh befasst. Er war von 1974 bis 1975 Mitglied des Ausschusses für die Fächer-Grobstruktur, 1979 bis 1982 Mitglied des Gründungssenats und Vorsitzender der Berufungskommission für die Professuren aus den Bereichen Maschinenbau und Verfahrenstechnik. Im Jahr 1982 folgte er schließlich einem Ruf als Leiter des Arbeitsbereich Meerestechnik II – Strukturmechanik an die Technischen Universität Hamburg-Harburg, wo er bis zur Emeritierung im Jahr 1996 blieb, aber noch bis 2005 Lehrveranstaltungen durchführte. „An der TU Hamburg-Harburg, an deren (moderner) Grundstruktur ich mitwirken konnte – kamen im Rahmen der Meerestechnik Schwerewellen, Eismechanik und Unterwasserschweißen (Simulation) hinzu“, beschrieb Mahrenholtz die Ausweitung seiner Forschungsinteressen.

Herausragend war sein Engagement für das Wissenschaftssystem und die Forschung in der Bundesrepublik Deutschland. Er wirkte in vielen wissenschaftlichen Gremien mit. Mahrenholtz war von 1973 bis 1979 Mitglied des Wissenschaftsrates und hatte von 1977 bis 1979 den Vorsitz der wissenschaftlichen Kommission inne. 1978 bis 1983 war er Vorsitzender der ständigen Kommission für die Studienreform und Leiter der zugehörigen Zentralen Arbeitsstelle. In der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) war er von 1977 bis 1983 gewählter Fachgutachter und Vorsitzender des Fachausschusses ‚Allgemeine Ingenieurwissenschaften‘, bevor er von 1983 bis 1989 Vizepräsident der DFG war. Von 1989 bis 1992 war er Präsident der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik (GAMM) und von 1996 bis 2000 President of ECCOMAS (European Community on Computational Methods in Applied Sciences).

Mahrenholtz hatte sich seit den frühen sechziger Jahren in vielfältiger Hinsicht durch außergewöhnliches persönliches Engagement für die internationale Hochschulzusammenarbeit eingesetzt. Besonders hervorzuheben sind seine Leistungen bei der Aus- und Fortbildung von jungen Wissenschaftlern und Studierenden aus Entwicklungsländern wie Indien und Vietnam. Er hat seine akademische Qualifikation und wissenschaftliche Anerkennung hervorragend genutzt, um internationale Kontakte zu knüpfen und darauf aufbauend den akademischen Austausch in allen Ebenen zu etablieren. Durch eine Reihe von Gastprofessuren baute er seine Auslandskontakte sowohl fachlich als auch persönlich aus. Besonders zu erwähnen sind das Indian Institute of Technology Madras, die University of Toronto, Kanada, die University of Kiushu, Japan, und die Universität Leuwen, Belgien. Mahrenholtz hatte eine große Zahl von Stipendiaten sowohl in Hannover als auch In Hamburg aus Herkunftsländern, die über die ganze Erde verteilt sind. Deshalb war auch sein Rat international gefragt. So war er z.B. von 1987 bis 1989 eines von fünf Mitgliedern einer Kommission der Republik Irland zur Neuordnung des Irischen Hochschulwesens. Von 1989 bis 2001 war er Delegierter der Bundesrepublik Deutschland im NATO Science Committee. Die Verbindungen mit polnischen Wissenschaftlern lagen ihm besonders am Herzen. Er hat damit sehr früh einen Beitrag für die Aussöhnung mit unserem unmittelbaren östlichen Nachbarn geleistet. Die deutsch-polnischen Symposien über die Stabilität nichtlinearer Strukturen gehen mit auf seine Initiative zurück.

Mahrenholtz war nicht nur Herausgeber bzw. Mitherausgeber zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Zeitschriften sondern hat auch selbst fleißig zu Themen seines reichhaltigen Forschungsspektrums publiziert. Neben vielen Zeitschriftenartikeln tragen auch einige Buchveröffentlichungen seinen Namen. Seine Neigung zu geschichtsbezogenen Themen wird an einer Reihe von Publikationen deutlich, die sich mit historischen Fragen auseinandersetzten. Darunter sind die Aufsätze zur ‚Geschichte der Mechanik‘ aus den Jahren 1976 bis 1982, die er mit seinem damaligen Mitarbeiter Lothar Gaul verfasst hatte.

Akademische Ehrungen blieben nicht aus. Von den zahlreichen Auszeichnungen, die Mahrenholtz erhalten hat, soll hier neben den Ehren-Doktor-Titeln der Universitäten Saarbrücken, Rostock und Bremen sowie der TU Krakau das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erwähnt werden. Er war gewähltes Mitglied und Ehrenmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften im In- und Ausland. Im Jahr 1991 wurde er zum ausländischen Ehrenmitglied der Polnischen Gesellschaft für Theoretische und Angewandte Mechanik gewählt. Seit 1977 war er Ordentliches Mitglied der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft und seit 1989 Mitglied der Joachim Jungius-Gesellschaft in Hamburg. Seit deren Gründung 2005 gehörte er der Akademie der Wissenschaften in Hamburg an.

Mahrenholtz war ein Mensch mit rauem Charme aber sensiblem Kern, er war mit einer subtilen Ironie gesegnet, stets humorvoll und immer zu einem Scherz aufgelegt. Er war ein einfühlsamer, fürsorglicher Vorgesetzter und Ratgeber. Er war mir in den über 40 Jahren, die wir uns kannten, ein wichtiger Förderer, Gesprächspartner und idealer, väterlicher Kollege. Ich werde ihn vermissen.

 

„Jedenfalls ist es besser, ein eckiges Etwas zu sein, als ein rundes Nichts.“, schrieb Friedrich Hebbel einmal, eine Charakterisierung, die Oskar Mahrenholtz für sich wohl auch in Anspruch genommen hätte!

 

Edwin Kreuzer, im April 2020